ESG-Ratings sind en vogue. Dafür sorgt zum einen der steigende regulatorische Druck, zum anderen bietet der Markt für Green Finance neue Möglichkeiten, diese Nachhaltigkeitsbewertungen zu nutzen. Das führt dazu, dass immer mehr Finanzverantwortliche einen genaueren Blick auf diese Ratingklasse werfen. FINANCE fasst das Wichtigste über ESG-Ratings für Sie zusammen.
ESG-Rating versus Second Party Opinion
Unter dem Begriff ESG-Rating versteht man eine Bewertung der Faktoren Environment, Social und Governance in Unternehmen (ESG). Neben Umwelt und sozialen Themen geht es also auch um eine gute Unternehmensführung. Es fließen keine finanziellen Kennzahlen in dieses Rating ein. Stattdessen werden eine ganze Reihe von anderen Kriterien geprüft, die sich allerdings abhängig davon, wer das Rating erstellt, deutlich unterscheiden können. Eine einheitliche Definition von Nachhaltigkeit gibt es schließlich nicht.
ESG-Ratings sind nicht zu verwechseln mit sogenannten Second Party Opinions (SPO). Darunter versteht man ein Gutachten einer unabhängigen Partei für einen Green Bond oder Green Schuldschein. In einer Second Party Opinion wird geprüft, ob die Projekte, die ein Unternehmen über so ein grünes Instrument finanzieren will, auch wirklich nachhaltig sind. Anders als beim ESG-Rating hat die Agentur dabei also nicht zwangsläufig das gesamte Unternehmen im Blick.
Zudem wird im Rahmen einer SPO zertifiziert, dass der Emittent die gängigen Standards für nachhaltige Finanzierungen einhält. Rechtlich gesehen gibt es zwar keine verbindlichen Regeln, es hat sich aber mit den Green Bond Principles ein Marktstandard etabliert.
Wer bietet ESG-Ratings an?
Bislang dominieren vor allem spezialisierte Nachhaltigkeitsagenturen den Markt. In Deutschland sind vor allem Sustainalytics und ISS Oekom bekannt. Andere bekannte Namen sind zudem Imug Rating, Ecovadis, Robecosam oder MSCI.
Allerdings wollen auch die großen Ratingagenturen den Trend nicht verschlafen. Sie gehen mit eigenen Angeboten in den Markt, Moody’s und S&P etwa mit eigenen Second Party Opinions. S&P hat zudem im Frühjahr ein eigenes ESG-Rating an den Markt gebracht.
Außerdem kaufen die US-Agenturen auch externe Expertise ein. Moody’s übernahm beispielsweise die Mehrheit an der etablierten Nachhaltigkeitsagentur Vigeo Eiris. S&P kauft ebenfalls zu und übernimmt die ESG-Rating- und ESG-Benchmarking-Einheit von Robecosam. Fitch setzt dagegen auf einen ESG-Score, der in den Bonitätsratings des Hauses integriert ist.
Die Bewertung von Nachhaltigkeitsfaktoren wird für die Ratinghäuser allerdings auch in ihren klassischen Bonitätsanalysen immer wichtiger. Zum einen weil Investoren ein stärkeres Augenmerk darauf richten, zum anderen weil sich auch von regulatorischer Seite der Druck erhöht, diese Faktoren stärker in die klassischen Ratinganalysen einfließen zu lassen.
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Wie bekommt man ein ESG-Rating?
Während Unternehmen sich für die Erstellung einer Second Party Opinion die Agentur aussuchen können, ist das bei ESG-Ratings nicht immer der Fall. Eine SPO wird immer im Auftrag des Emittenten für ein bestimmtes Finanzierungsinstrument erstellt.
Die Erstellung eines ESG-Ratings erfolgt hingegen oft ohne Auftrag des Unternehmens. Nachhaltigkeitsagenturen bewerten beispielsweise automatisch alle Corporates, die wichtigen Indices angehören. Viele Großkonzerne verfügen deshalb über eine ganze Reihe von ESG-Ratings – ohne im direkten Kontakt mit den Agenturen zu stehen.
Kleinere Unternehmen, die nicht ohne ihr Zutun von den Nachhaltigkeitsagenturen bewertet werden, müssen solche Ratings selbst in Auftrag geben. Noch ist das wenig verbreitet. Für Unternehmen, die den Markt für grüne Finanzierungen anzapfen wollen, könnte der Schritt aber sinnvoll sein.
„Mit einem ESG-Rating erleichtert man Investoren, die auf Nachhaltigkeit fokussiert sind, die Arbeit“, argumentiert Olaf John, Head of Business Development für Europa bei dem britischen Vermögensverwalter Insight Investment. Häuser mit ESG-Rating würden in Zukunft einen Vorteil gegenüber Unternehmen ohne solche Bewertungen haben, prognostiziert der Experte.
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Finanzabteilungen entdecken ESG-Ratings für Kredite
Dass auch Finanzverantwortliche sich inzwischen intensiver mit ESG-Ratings auseinandersetzen, hängt stark mit einem neuen Finanzierungsinstrument zusammen, das Einzug in den Markt für grüne Finanzierungen gehalten hat: ESG-linked Loans. Diese Kreditform ist auch unter Sustainability-linked Loan oder Positive Incentive Loan bekannt. Bei diesen Krediten sind die Finanzierungskosten an die Nachhaltigkeitsperformance des Unternehmens gekoppelt, und diese wird häufig über ein ESG-Rating gemessen. Verbessert es sich, sinken die Kosten, und umgekehrt.
Seit rund einem Jahr sind auch deutsche Unternehmen an diesem Markt aktiv. Henkel machte den Anfang mit einem Kredit über 1,5 Milliarden Euro, der gleich an drei ESG-Ratings gekoppelt ist. Es folgten einige weitere Unternehmen, zuletzt etwa Continental und Lanxess.
Zwingend notwendig ist ein ESG-Rating für diese Kreditform allerdings nicht, wie die Transaktionen der beiden zeigten. Der Spezialchemiekonzern Lanxess nutzte beispielsweise andere KPIs, nämlich die Reduktion von Treibhausgasen und die Erhöhung der Frauenquote in den obersten drei Managementebenen.
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Antonia Kögler ist Redakteurin bei FINANCE und Chefin vom Dienst bei DerTreasurer. Sie hat einen Magisterabschluss in Amerikanistik, Publizistik und Politik und absolvierte während ihres Studiums Auslandssemester in Madrid und Washington DC. Sie befasst sich schwerpunktmäßig mit Finanzierungsthemen und verfolgt alle Entwicklungen rund um Green Finance und Nachhaltigkeit in der Finanzabteilung.