Der Modekonzern Gerry Weber steht vor einer massiven Restrukturierung. Das Unternehmen hat am heutigen Mittwoch angekündigt, sich über das Unternehmensstabilisierungs- und Restrukturierungsgesetz (StaRUG) sanieren zu wollen. Dadurch will die Modehandelskette ihre Schulden signifikant reduzieren, hieß es.
Teil der nun avisierten Sanierung soll laut einer Mitteilung von Gerry Weber ein vollständiger Kapitalschnitt sein. Dies würde zu einem „kompensationslosen Ausscheiden der derzeitigen Aktionäre aus der Gesellschaft“ führen, Gerry Weber soll danach von der Börse verschwinden. Die neue Finanzierungsstruktur wird das Unternehmen bis ins Jahr 2026 finanziell über Wasser halten, so der Plan.
Gerry Weber leidet wie viele Einzelhändler unter den von Folgen der Corona-Pandemie. Die Lockdowns und die zurückgegangene Konsumlust der Kunden hätten zu den finanziellen Spannungen geführt, schreibt das Unternehmen.
Gerry-Weber-Tochter geht in Eigenverwaltung
Zur Sanierung gehört auch, dass die Tochtergesellschaft Gerry Weber Retail Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet hat. Weitere Gesellschaften des Gerry-Weber-Konzerns seien nicht von den Maßnahmen betroffen. Der Geschäftsbetrieb werde uneingeschränkt fortgesetzt, die Lieferfähigkeit bleibe gewährleistet. Unterstützt wird Gerry Weber bei der Sanierung von Dirk Reichert, er ist als Restrukturierer in die Geschäftsleitung des Modekonzerns eingetreten.
Mit dem nun verkündeten StaRUG-Verfahren will Gerry Weber nach eigenen Angaben die Unternehmensbilanz nachhaltig sanieren. „Mit der Initiierung eines präventiven StaRUG-Verfahrens wollen wir eine Neuordnung unserer Passivseite vornehmen“, sagte Gerry-Weber-CFO Florian Frank im Rahmen der Mitteilung. „Parallel dazu werden wir unser deutsches Retail-Geschäft im Rahmen eines Eigenverwaltungsverfahrens operativ restrukturieren und das Unternehmen damit zukunftsfähig und resilienter aufstellen.“
Gerry Weber befand sich auch 2019 in Eigenverwaltung
Im Eigenverwaltungsverfahren der deutschen Retail-Tochter von Gerry Weber ist Christian Gerloff als Sanierungsgeschäftsführer in die Geschäftsführung des Unternehmens eingetreten. Gerloff kennt Gerry Weber gut: Er war bereits 2019 als Generalbevollmächtigter bei dem Unternehmen tätig. Damals hatte sich der Modekonzern in Insolvenz in Eigenverwaltung sanieren müssen. Gerettet hatte das Unternehmen damals das Kapital zweier Investoren.
Seitdem konnte sich Gerry Weber zunächst wieder stabilisieren – rosig war die wirtschaftliche Lage des Modehauses dennoch nicht. In den im vergangenen Mai veröffentlichten Geschäftszahlen wies das Unternehmen zwar ein positives Konzernergebnis für das Jahr 2021 aus, prognostizierte aber Verluste für das Geschäftsjahr 2022. Vor allem eine hohe Abschreibung auf die Retail-Tochter schlug ins Kontor.
Die Lage scheint sich nun noch einmal deutlich verschärft zu haben. Die aktuellen Geschäftszahlen wird Gerry Weber nicht wie geplant am 28. April, sondern erst nach Umsetzung des Sanierungskonzepts veröffentlichen, hieß es nun.
Gerry Weber ist derweil nicht der einzige Konzern, der derzeit die Möglichkeiten des StaRUG nutzt. So hat auch der strauchelnde Automobilzulieferer Leoni vor wenigen Wochen angekündigt, sich mithilfe des StaRUG zu sanieren. Es ist der bislang größte Fall, in dem das zum Januar 2021 in Kraft getretene Gesetz zum Einsatz kommt.
Paul Siethoff ist Redakteur bei Finance und schreibt vorrangig über Transformations-Themen. Er hat Kommunikationswissenschaften und Journalismus in Erfurt und in Mainz studiert. Vor seiner Zeit bei FINANCE schrieb Paul Siethoff frei für die Frankfurter Rundschau für die Ressorts Wirtschaft und Politik.